Die Schmelze von Fülle und Mangel

Tagebuch-Eintrag vom 5. Februar 2019, Es Capdella, Mallorca

Die Fülle und der Mangel saßen miteinander auf dem Sofa. Da fragte die Fülle mit verschränkten Armen den Mangel kraftlos:
„Wollen wir uns nicht endlich vereinen? Du hast lange genug Dein Macht-Spiel gespielt. Ich kann nicht mehr. Ich bin ganz leer.“
Der Mangel zeigte sich überrascht von diesem Angebot.

Er stürzte sich voller Freude auf die Fülle, als hätte er schon ewig auf diese Einladung gewartet.

Doch die Fülle sprang entsetzt zur Seite und ergriff die Flucht.
„Halt, so war das nicht gemeint.“ rief sie schockiert.

Sie wollte nicht einfach so eingenommen werden.
Der Mangel breitete sich trotzig aus und nahm den gesamten Raum der Fülle ein. Er rekelte sich und posierte stolz in seinem neu eroberten Reich.
Die Fülle war ratlos, wanderte grübelnd hin und her. Krampfhaft überlegte sie, wie sie den Mangel endlich loswerden könnte.
Während dessen spielte der Mangel mit allen Schätzen, die er eingesammelt hatte. Die Fülle staunte über den Reichtum des Mangels. Edelsteine, Gold, Geschmeide, steinreich ist der Mangel. Besitzt alles, was die Fülle gerne gehabt hätte. Er hatte überall seine Finger im Spiel. „Woher hast Du diese ganzen Schätze? fragte die Fülle schüchtern den Mangel.
„Das ist die Ernte aus allen Deals und Verkäufen der Seele, des Seins, des Wesens, des Selbst, des Körpers und des Geistes. Besonders wertvoll sind die Schätze aus den Verkäufen des Herzens.“ antwortete der Mangel stolz.
„Ich gebe Dir gern etwas ab von meinem Schatz, aber ich wette, Du kannst es gar nicht annehmen. Du wirst es ohnehin wieder verlieren.“
So reichte der Mangel der Fülle ein Teil seiner Beute.
Die Fülle griff angewidert zu und legte das Gebotene achtlos zur Seite. Der Mangel griff erneut nach seinem Schatz und lachte hämisch:
„Siehst Du, Du kannst mit meinem Geschenk nichts anfangen. Wer von uns beiden ist denn nun der Mangel. Du bist so leer, liebe Fülle. Dir fehlt jegliche Freude am FülleSein. Mir hingegen geht es rundum gut. Ich bekomme immer mehr, mehr, mehr. Jeder verkauft sich für das MEHR. Das H ist mein bester Freund.“
Die Fülle fühlte sich bedrängt und sagte vorwurfsvoll:
„Mangel, Du trägst an allem Elend die Schuld. Sieh doch nur, was Du alles angerichtet hast. So viel Leid. Du sollest Dich dafür schämen.“
Der Mangel blieb ganz unberührt von diesem Vorwurf und sagte gelassen:
„Was gibst Du mir die Schuld? Frag lieber Dein Ego, die Gier, warum sie nie genug bekam. Sie treibt alle in den Wahnsinn. Am Ende verkaufen sie sich selbst. Ihr ewiger Hunger frisst jedes Hirn.“

Das machte die Fülle sehr traurig. Sie ließ die Worte wirken. Zögernd näherte sie sich dem Mangel und legte sich neben ihn, Stirn an Stirn. Sie flüsterte leise.
„Ich fühle, Du bist ein Teil von mir. Das habe ich ganz vergessen. Wir zwei gehören irgendwie zusammen. Wollen wir wieder eins sein?“
Da freute sich der Mangel, endlich erkannt zu werden. Ohne zu zögern legte er all seine angesammelten  Schätze geschwind zur Seite und schmiegte sich an die Fülle.
Sie bleiben eine kleine Ewigkeit in der Stille. Der Mangel ließ seine angestaute Kraft in die Fülle fließen.
So füllte sich die Leere der Fülle und auch der Mangel konnte endlich sein aufgeplustertes Spiel aufgeben.

Beide schienen am Ziel ihrer Sehnsucht angelangt zu sein. Dann jedoch flüsterte die Fülle:
„Jetzt flute ich Dich mit all meiner Fülle und dann bist Du für immer erlöst. Ich bin wie das Wasser, das sich immer seinen Weg bahnt, unaufhaltsam fließt und alles durchflutet.“ Da schreckte der Mangel auf und sagte mit zitternder Stimme: „Das würde meinen Tod bedeuten. Warum willst Du mich denn unbedingt loswerden? Ich bin Deine Kehrseite. Wir sind wie zwei Seiten einer Medaille. Solange ich da bin, wirst Du erkennen, dass wahre Fülle kostbar ist und nicht käuflich. Der Mangel entsteht aus nicht gefühlter Fülle.

Es sind die nicht gefühlten Gefühle, die sich in Emotionen spalteten. Die wahre Fülle wurde zur Ware.“

Wieder überlegte die Fülle gedankenversunken, was zu tun sei.

„M, M, M, tönte die Fülle. Es ist das M, welches angelt. Das M kontrolliert das A, den Klang des Herzens der Fülle. Das M setzte sich überall davor. Nahm sich mit Macht die acht. Hatte alles an der Angel.“ Der Mangel fühlte sich ertappt und wurde ganz still. Er hatte nicht vermutet, dass die Fülle so schlau sein würde und das Spiel der manipulierten Buchstaben erkennt.

Die Fülle kam jetzt richtig in Fahrt.
„Fragen wir die Liebe, ob sie uns helfen kann. Wenn sie bei uns ist, dann wird es nie wieder Mangel geben. Sie bringt alles in Bindung. Wir schöpfen dann in voller Liebe aus der Fülle.“ schlug die Fülle euphorisch vor.

Da sprang der Mangel aufbrausend von seinem Ruheplatz auf und rief erbost:
„Du hast ja keine Ahnung. Lass die Liebe aus dem Spiel. Sie hat sich selbst noch nicht geklärt. In ihr steckt noch zu viel Hass und ihr wahnsinniges Ego treibt sie voran. Ständig will sie neue Erfahrungen machen. Auch sie hat sich verkauft. Sie steckt überall ihre Nase hinein und bringt alles durcheinander. Wir zwei müssen das unter uns klären.“

Nun war die Fülle völlig verwirrt. Einerseits hatte sie ihre Kraft wieder und genoss das neue Sein, anderseits wollte sie mit allen Mitteln den Mangel erlösen.
Da schlich sich der Mangel an die Fülle von hinten heran. Er stellte sich an ihren Rücken und sagte:
„Hör endlich auf, ständig gegen mich zu kämpfen. Du kämpfst damit nur gegen Dich selbst. Spüre, welche Kraft ich habe. Leg Dich ruhig mal auf meinen Rücken ab. Ich bin gut durchtrainiert. Dann kannst Du Dich ausruhen, Dich tragen lassen und musst nicht die ganze Zeit tun. Lass Dich fallen in Dein Sein.“ Der Mangel beugte sich langsam nach vorn und bot der Fülle den Rücken an. Die Fülle legte ich entspannt auf den Rücken des Mangels ab. Sie schnaufte erleichtert tief durch. Es schien ihr zu gefallen, einfach mal getragen zu sein. Dann bot die Fülle dem Mangel den stützenden Rücken an. Auch für ihn war dieses füllige Angebot des Ausruhens eine neue freudvolle Erfahrung.

Beide hatten in allen Ewigkeiten vergessen, wie es ist, getragen zu sein, denn sie hatten die Erinnerung daran verloren, dass sie eins sind. Zwei Seiten einer Medaille. Am besten geht es allen, auf dem Rand der Medaille zu laufen. Zur einen Seite die Fülle, zur anderen der Mangel.

In ihrer neuen Zweisamkeit erinnerte sich plötzlich der Mangel, dass die Fülle den letzten Tropfen der wahren Fülle im Mangel versteckt hatte.
„Stimmt!“ rief die Fülle erleichtert. „Bitte gib ihn mir wieder. Ich habe ihn ganz vergessen. Ich werde Dich immer ehren und achten, damit Du nie wieder das Gefühl hast, allein zu sein.“ Der Mangel nahm den letzten Tropfen der wahren Fülle aus seinem Herzen und schenkte ihn der Fülle, damit sie nie wieder eine Ware ist.

So ganz in ihrer neuen Fülle angekommen, spürte sie plötzlich einen schmerzhaften Stich im Herzen.

„Was ist das für ein Schmerz?“ fragte die Fülle erschrocken? „Es ist der Tropfen des Mangels, den Du einstmals von mir eingefordert hast, um Dich immer an mich zu erinnern.“ sprach der Mangel weise.
„Kann es sein, dass wir durch unsere Versprechen, die letzten Tropfen für einander aufzuheben, ohne es zu wissen, co-abhängig voneinander waren?“ fragte die Fülle forschend.
„Gut möglich. Irgendwie hatte ich immer gehofft, dass Du mich findest, um mich zu erlösen. Lass uns ab jetzt immer in der wahren Fülle SEIN.“
Die Fülle und der Mangel wendeten sich einander zu und umreichten sich innig, um ineinander zu schmelzen. Sie luden ihr EGO, die Gier, in die Schmelze ein. Was für ein Frieden.

„Was ist denn wahre Fülle?“ fragte nun neugierig das neue FülleSein.
„Lass es uns gemeinsam finden.“

Sie traten in die Natur. Der gerade noch Wolken verhangene Himmel strahlte in klarem Blau. Und obwohl es Anfang Februar war, schien der Sommer erwacht zu sein. Das neue FülleSein bummelte Hand in Hand entlang der Gassen. Sie bestaunten die vollbeladenen prächtigen Organgenbäume, freuten sich an den Zitronenhainen in ihrem gelbleuchtenden Glanz, erblickten Mandelblüten, die sich in tausendfachen Facetten der Bestäubung hingaben.
Es duftete überall nach Meer und mehr. Das FülleSein pflückte Gräser am Wegesrand, um das starke belebende Grün zu kosten.

Es schmeckte köstlich und löste kleine Geschmackswunder aus. Gemeinsam bestaunten sie die Pracht und Vielfalt der Natur.

Am Meer angekommen fragte ein Teil des FülleSein:
„Kannst Du Dich noch daran erinnern, wie der Himmel aussah, als wir noch nicht gespalten waren?“
„Ja, ich glaube schon.“
„Der Himmel war grün“ und das andere FülleSein ergänzte:

„Und die Sonne leuchtete golden. Alles erstrahlte in grün-gold.“
„Stimmt!“ jubelte das FülleSein. So wird es wieder sein.

Als die Sonne am Ende des erfüllten Tages über dem blauen Meer unterging, färbte sich der Himmel golden und im Übergang zum Himmel mischte sich das Gold in Grün.

Bis gleich im neuen Paradies.

Petra und Petrus.

Schreibe einen Kommentar